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Eröffnungsrede des Museum Lothar FischerEröffnungsrede des Museum Lothar Fischer

Eröffnungsrede von Wieland Schmied vom 19. Juni 2004

»Ein Künstler, der die Nachahmung hasste«

Wenige Tage vor der Eröffnung des eigenen, seinem Lebenswerk gewidmeten Museums, auf das er sich so sehr gefreut hatte, ist Lothar Fischer nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Wir, die wir um die schwere Erkrankung unseres Kollegen wussten, hatten so sehr gehofft, dass er diesen Tag noch erleben, vielleicht gar, wie gehandikapt auch immer, heute hier unter uns sein könnte. Wenn wir jetzt von ihm Abschied nehmen müssen, so sagt uns allein die Existenz dieses Museums, in dem so viele seiner wichtigsten Arbeiten versammelt sind: Sein Werk wird bleiben, in diesem Werk wird er weiterleben und weiterhin bei uns sein.
Ich werde nun den Text, den ich für diesen Tag vorbereitet hatte, lange vor dem Tode Lothar Fischers, aber in Kenntnis seiner Erkrankung, so vorlesen, wie ich ihn geschrieben habe, da war nichts zurückzunehmen oder zu verändern. Bei einer Durchsicht des Manuskripts habe ich nur die eine oder andere Gegenwartsform durch eine Vergangenheitsform ersetzen müssen, wo der Sinn es erforderte.
Auch wenn das Werk Lothar Fischers nun keine Fortsetzung mehr finden wird: Was einmal geschaffen wurde, das kann uns niemand nehmen. Das ist der Sinn des Museums.
Vor einigen Jahren gab es in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Lothar Fischer als ordentliches Mitglied seit 1991 angehörte, eine Ausstellung. »Ich zeichne, was man nicht fotografieren kann«, hatte unser Architekten-Mitglied Fritz Kurrent seine Versammlung zeichnerisch erfasster Stadtpanoramen genannt, die alle mehr waren als Veduten und eher als Visionen eines idealen bestehenden Zustandes erschienen, vielleicht hier und da ein wenig utopisch ergänzte Stadtbilder beschworen. Dem Titel dieser Ausstellung antwortete Lothar Fischer in der darauf folgenden Präsentation eigener Arbeiten – eine Reihe, in der die Akademiemitglieder ihren Freunden Einblick in ihre Werkstatt geben – mit dem programmatischen Titel: »Ich zeichne, was man nicht sehen kann«.
Ich glaube, dieser Titel kann über dem ganzen Werk von Lothar Fischer stehen. Aber er bedarf der Erläuterung. Was ist damit gemeint: »was man nicht sehen kann«. Wo nicht sehen? – dürfen wir fragen. In der Realität, in der wirklichen Welt mit ihren von der Natur hervorgebrachten Gebilden? Gewiss, das muss gemeint sein. Denn das künstlerische Werk von Lothar Fischer ist nicht unsichtbar, will nicht unsichtbar sein, balanciert nicht an der Grenze zur Unsichtbarkeit wie so manche Idee der von Lothar Fischer wenig geliebten Konzept-Kunst. In der Welt der Kunst, in der Welt der von den Menschen hervorgebrachten Werke, ist das, was Lothar Fischer hervorgebracht hat, als Zeichner wie als Plastiker, in besonders eindringlicher Weise sichtbar geworden, hat sich, wenn wir es einmal gesehen haben, nachdrücklich in unser Gedächtnis eingeschrieben.
Es ist jetzt ebenfalls einige Jahre her, da überraschte uns Lothar Fischer, den wir in der Akademie als eher schweigsamen und gelegentlich dann aber mit entschiedenen, wohlüberlegten prononcierten Stellungnahmen sich äußernden Kollegen kennen gelernt haben, mit einem Band erfrischend freimütiger Notizen mit dem Titel: »Zur Kunst – aus bildnerischer Sicht« [richtiger hätte es wohl heißen sollen: »aus der Sicht eines Bildhauers«, aber es ist müßig, nach so viel Jahren über Titel oder Untertitel von Publikationen zu streiten].
In diesen Aufzeichnungen polemisiert Lothar Fischer aus dem Blickwinkel einer von ihren Ursprüngen her verstandenen Moderne, die allein ihm die richtig aufgefasste Moderne sein kann, gegen alles Modische und Kommerzielle. Vor allem aber setzt er immer wieder zu einer Philippika gegen die Nachahmung an, gegen die Nachahmung in ihren verschiedensten Erscheinungsformen. Nachahmung ist ihm immer gedankenlose Nachahmung, ob es sich nun um die Nachahmung der Natur – etwa in der akademischen Übung von Aktzeichnungen – oder um die Nachahmung einer als vorbildlich angesehenen, als klassisch sanktionierten Kunst geht. Lothar Fischer ist der Anti-Klassiker par excellence, im Anti-Klassischen erkannte er einen Grundzug der Moderne. Bilden, nicht Abbilden, war seine Parole, nicht dem Vorbild der Natur Nachbilden, sondern nach anderen Formen suchen, nach Formen, die einen neuen Anfang suggerieren.
Lothar Fischer sprach im Namen der Erfindung, genauer: der Findung. Der Künstler, wie er ihn versteht, und wie er selber einer war, muss aus sich selbst heraus schaffen, muss auf die eigene Gabe der Formfindungen vertrauen, muss ohne Vorbild vor Augen arbeiten, muss die Form in sich selbst finden. Dann wird der Künstler ganz er selbst und also neu sein. Ein solches Neu-Sein hat nichts mit der Forderung nach Innovation zu tun. Diese Forderung – keinesfalls alle ihre Ergebnisse – hat Lothar Fischer immer als modisch verachtet.
Vieles, was Lothar Fischer als Plastiker geschaffen hat, könnte aus Ausgrabungen stammen, von einem frühen Menschengeschlecht, das mit außerordentlichen Fähigkeiten begabt war. Vieles, was er sich in sich selbst gefunden hat, mutet uns zumindest auf den ersten Blick so an, als sei es ein Fund aus unvordenklich alten Zeiten, als handelte es sich um Idole aus lang vergangenen Epochen. Man denkt an das Wort von Pablo Picasso, dessen bildhauerisches Werk Lothar Fischer besonders liebt und gerne rühmt – Picasso sagte, als er Werner Spies die sonst stets penibel geschlossen gehaltenen Türen zum Depot seiner Skulpturen aus mehr als einem halten Jahrhundert öffnete: »Es ist, als ob man eine unbekannte Kultur entdeckte.«
Etwas vom Atem der Frühzeit, vom Bewusstsein eines unendlichen Anfangs vor aller Geschichte, steckt im Werk Lothar Fischers. Neue Kunst greift oft weit zurück. Aber auch das Moderne ist nicht zu leugnen. Wir finden es nicht nur in der von Lothar Fischer mit vollzogenen Besinnung der Moderne auf die Ursprünge allen bildnerischen Tuns, auf die so genannte primitive oder archaische Kunst, auf die Welt der Assyrer, Sumerer, Hethiter, Etrusker, auf die Kunst der Kykladen und die der alten Mexikaner, wir finden es ebenso im bewusst Fragmentarischen vieler Skulpturen, und fragmentarisch heißt ja, richtig verstanden: etwas, das der Zeit standgehalten hat, das den Epochen getrotzt hat, das Geschichte ausgehalten hat, das verletzt worden ist, das Wunden aufzuweisen hat, dem Bruchstücke verloren gingen, das aber in seinem Wesen vollständig geblieben ist, und das die suggestive Kraft besitzt, in unserem Bewusstsein wieder zur Ganzheit zu werden. Ausgesprochen modern mutet auch das zeichnerische und aquarellierte Werk von Lothar Fischer an, hier verbindet sich die Erinnerung an frühe Beschwörungen der menschlichen Figur mit der zeichenhaften Vereinfachung, in der noch etwas vom Wissen um magische Kräfte lebt. Jede Form scheint dem Chaos abgerungen.
Kein Wunder, dass Lothar Fischer das Chaos liebte – das Chaos als Ursprung neuer Ordnungen – ist er doch mit Asger Jorn befreundet gewesen, dem großen aus Dänemark stammenden Mitgründer der COBRA-Gruppe und spiritus rector der Münchner Gruppe SPUR, eine der bedeutendsten Gruppierungen rebellisch gesinnter junger Künstler im Deutschland der frühen Nachkriegszeit. Asger Jorn sprach gerne vom Chaosmos, um seinem gegen alles klassisch Gewordene und darum Erstarrte – nicht nur im Bereich der Kunst – revoltierenden Empfinden Ausdruck zu geben. Im Sinne von »COBRA« und »SPUR« dürfen wir im Blick auf das plastische Werk von Lothar Fischer fragen, ob in ihm nicht chthonische Kräfte zum Ausdruck kommen, die aus der Tiefe der Erde stammen, und nun eruptiv – wie die Lava bei einem Vulkanausbruch – ans Licht der Welt drängen und die Hand des Bildhauers okkupieren, um unter ihr in Erscheinung zu treten – und der Bildhauer kann gar nicht anders, als diesen Kräften Gestalt zu geben.
Genug der Metaphern, zu der uns die Anschauung der Werke von Lothar Fischer verführt, die jetzt in diesem wunderbaren neuen Haus ihren dauernden Platz gefunden haben. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste ist stolz auf ihr Mitglied Lothar Fischer. Es ist das dritte unter unseren Bildhauer-Mitgliedern, dem heute die Ehre zuteil wird – nach Fritz Koenig im Landshuter Hofberg und Alf Lechner in Ingolstadt – ein eigenes Museum für ihr plastisches Œuvre zu erhalten. Wir verneigen uns vor Lothar Fischer und seinem Lebenswerk und gratulieren der Stadt Neumarkt in der Oberpfalz zu diesem großartigen Museumsbau – wie zu dem Inhalt, den es birgt.