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Wolfgang Jean Stock

Ein Künstlermuseum

Die an guter zeitgenössischer Architektur nicht arme Stadt Neumarkt hat mit dem Museum Lothar Fischer ein bauliches Kleinod erhalten. Das markant gestaltete und durch seinen weißen Putz strahlende Gebäude fügt sich am Rand des Stadtparks in die gewachsene Umgebung ein und zeigt zugleich in selbstbewusster Weise seine Herkunft aus dem Geist der Gegenwart. Städtebaulich ist es ein wichtiges Bindeglied zwischen der kompakten Altstadt und dem offen hingelagerten Schulbezirk am Schlossweiher, architektonisch stellt es ein Vorbild im heutigen Museumsbau dar. Dabei handelt es sich insofern um einen Sonderfall, als das Museum monografisch einem Künstler gewidmet ist, dem einer Stiftung übertragenen Werk des bedeutenden Bildhauers Lothar Fischer, der seine Jugend in Neumarkt verbracht hat.

Das Architekturbüro

Dass gerade die Architekten Berschneider + Berschneider mit der Planung des Museums beauftragt wurden, war ein glücklicher Entschluss des Künstlers. Johannes Berschneider und seine Frau Gudrun haben zusammen mit ihren Mitarbeitern wesentlich dazu beigetragen, dass Neumarkt seit einigen Jahren auf der Landkarte anspruchsvoller Architektur verzeichnet ist. Ihre Leistungen reichen vom Umbau des alten Rathauses über den transparenten Anbau an den historischen Reitstadel bis hin zu neuen Schulbauten. Nicht umsonst zählen die Architekten zu den maßgeblichen Vertretern der »neuen Oberpfälzer Bauschule«. Hinzu kommt, dass sich Johannes Berschneider auch mit wachsender Resonanz für die Förderung von Baukultur durch öffentliche Information und Diskussion einsetzt.

 

FoyerFoyer

Dezente Farbigkeit mit Signalton

Der aus unterschiedlich hohen Quadern komponierte Baukörper des Museums zeigt eine frische moderne Formensprache. Die Fassaden öffnen sich durch großformatige, nahezu bündig eingesetzte Fenster oder durch kantig auskragende Vitrinen, darunter das Schaufenster neben dem Eingang. Bereits am Außenbau zeichnet sich die kontrastreiche, gleichwohl disziplinierte Farbigkeit ab, die das ganze Haus heiter erscheinen lässt: Neben dem hellen Weiß der Wände und dem Anthrazit der Öffnungselemente wirkt die feuerrote Farbe des tagsüber offenen Eingangstors, der Theke im Foyer sowie des Aufzugschachts im verglasten Treppenhaus auf der Parkseite als markanter Signalton. Auf diese Weise ist auch die Architektur zu ihrem Recht gekommen.

Planung im Dialog

So herausfordernd die Museumsplanung für den Architekten war, so neuartig war sie für den Künstler selbst, der sich bei seinen bisherigen Ausstellungen mit vorhandenen Räumlichkeiten unterschiedlichster Art zu arrangieren hatte. Nun war die seltene Chance gegeben, ein Haus der Kunst im Sinne von »Maßschneiderei« zu gestalten. Beiden, Künstler und Architekt, war klar, dass dies nur in einem vertrauensvollen und intensiven Zusammenwirken gelingen konnte. Dieser Dialog, der mit der grundlegenden Überarbeitung eines ersten Entwurfs einsetzte, zog sich dann über nahezu zwei Jahre hin. Lothar Fischer formulierte eine entscheidende Vorgabe: »Im Unterschied zu einem Museum für Malerei braucht ein Haus der Skulptur gerade keine gleichmäßig ausgeleuchteten Räume. Bildhauerische Arbeiten kommen nur dann gut zur Wirkung, wenn die Lichtführung differenziert eingesetzt wird.«
Da das Gebäude ein Tageslichtmuseum ist, ging es darum, jeweils das richtige Ober- oder Seitenlicht zu bestimmen. Einerseits lagen die Standorte für besonders wichtige Arbeiten und Werkgruppen bereits fest, andererseits sollten die Räume aber auch eine gewisse Flexibilität für Wechselausstellungen bieten. Um zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen, untersuchten Architekt und Künstler die Möglichkeiten an einem Modell des Gebäudes im Maßstab 1:20, für das Lothar Fischer entsprechende Miniaturen seiner Arbeiten anfertigte.

Lothar Fischer und sein Werk

Der 1933 im pfälzischen Germersheim geborene Künstler nimmt in der Bildhauerei der Gegenwart eine ganz eigenständige Position ein. Dies beruht zum einen auf dem von ihm bevorzugten Material, dem leicht formbaren Ton, mit dem Fischer ein ebenso vielgestaltiges wie in sich geschlossenes Werk geschaffen hat – von filigranen Miniaturen bis hin zu Raum fordernden Figuren wie etwa den »Enigma-Variationen« aus den späten neunziger Jahren. Durch seinen meisterlichen Umgang mit dem sonst oft bieder wirkenden Material hat Fischer dem Ton erstaunliche Ergebnisse abgerungen, vor allem durch die beim Brennen entstandenen Oberflächen, die zwischen archaischer Rauheit und zarter Eleganz eine große sinnliche Präsenz ausstrahlen. So entsprach es denn auch seiner Selbstverpflichtung, dass Lothar Fischer nach dem Studium in München an künstlerischen Aufbrüchen aktiv beteiligt war: von 1958 bis 1965 als Mitgründer der legendären, auch politisch Aufsehen erregenden Gruppe SPUR, darauf als Mitglied der Gruppe GEFLECHT. Offiziell anerkannt durfte sich Fischer fühlen, als er 1975 zum Professor an der Hochschule der Künste in Berlin berufen wurde, was für sein Werk einen neuen kreativen Schub auslöste.

Der zweite Grund für Fischers auch nach internationalen Maßstäben herausgehobene Stellung in der Kunst seit 1960 ist seine beharrliche Arbeit im Bereich der figurativen Plastik. Dabei ließ er sich aber nicht von der klassizistisch-naturalistischen Tradition der europäischen Akademien inspirieren, sondern von der frühen Kunst im mediterranen Raum und der Plastik der Romanik. Sein grundlegendes Ziel ist die Konzentration und Reduktion der Skulptur hin zur einfachen Figur, zu einer menschlichen Gestalt, die als eine selbständige künstlerische Schöpfung erfahren wird. Was ihn bewegt und antreibt, hat Lothar Fischer mit den Sätzen beschrieben: »Mein Thema ist hauptsächlich der Mensch in seinen Grundhaltungen: Stehen – Sitzen – Liegen, aber begriffen als »Kunstfigur«. Mir geht es um die Erfindung und Gestaltung immer neuer Figurationen, die aus den Mitteln, dem Material und dem Vorgang entstehen. Es sind zeichenhafte, tektonische, elementare Formulierungen, sozusagen abstrakt, als Ausgangspunkt, sie werden aber sinnlich erfüllt und lebendig durch das Machen. Das Ergebnis ist die autonome plastische Gestalt.«

 

Grundriss Erdgeschoss Museum Lothar Fischer

Erdgeschoss

Grundriss Obergeschoss Museum Lothar Fischer

Obergeschoss

Grundriss Untergeschoss Museum Lothar Fischer

Untergeschoss

Ein einladendes Museum

Beide, Künstler und Architekt, wollten kein hermetisch abgeschlossenes »Schatzkästchen«, sondern ein Museum, das die Welt der Kunst zur Welt des Alltags öffnet. So holen die großen Fenster die reizvolle Umgebung ins Gebäude, und umgekehrt gestattet das Haus mehrere Einblicke. Das Foto zeigt den künftigen Wechselausstellungsraum im Erdgeschoss mit Ausblicken in den angrenzenden Stadtpark. Dieser Raum ist vor allem durch die schlanken, nach außen kragenden Vitrinen geprägt, was der ansonsten ruhigen Westfassade einen unverwechselbaren Ausdruck gibt. Für lebendige Beziehungen zur Stadt sorgt auch die Kunstpädagogik, die im Untergeschoss des Museums untergebracht ist, jedoch durch das zum Park hin gerichtete Fensterband einen schönen Bezug zur Außenwelt hat. Um das neue Museum so attraktiv wie möglich einzubinden, hat die Stadt Neumarkt das engere Umfeld neu gestalten lassen: Vor dem Haupteingang kreuzt ein Pflasterbelag zum Schlossweiher die Straße, während der Grünstreifen am Stadtpark nicht zuletzt durch das neue Café in der benachbarten, gut besuchten Bücherei aufgewertet wurde.

Eine »dienende« Architektur

Die neuere Museumsarchitektur wird von zahlreichen Museumsdirektoren und Künstlern sehr kritisch beurteilt. So hat sich etwa Jean-Christophe Ammann, der langjährige Leiter des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, mit Bauten von Robert Venturi, James Stirling oder Richard Meier auseinander gesetzt und energisch eine Rückkehr zu »funktionstüchtigen neutralen Räumen« verlangt. Wie Ammann erwarten viele Künstler von einem Museum keine auftrumpfende Baukunst, sondern gut proportionierte Räume, Öffnungen und Durchgänge mit präzisen Kanten und einen dezenten Bodenbelag, damit die ausgestellten Werke zur Geltung kommen können.
Diese Haltung war für Johannes Berschneider selbstverständlich: »Bei meinem Entwurf stand von Anfang an die Kunst von Lothar Fischer im Mittelpunkt. Das Haus sollte der Sammlung dienen und nicht selber ein Kunstwerk darstellen.« Eine nicht geringe Rolle hat dabei gespielt, dass Berschneider schon einige Arbeiten von Fischer erworben hatte, ehe er den Künstler dann persönlich kennen lernte. Durch den eigenen Umgang mit den anspruchsvollen Kunstwerken wusste Berschneider, dass die Planung des Museums eine hohe Sensibilität verlangen würde.
Als Haltung der Zurückhaltung lässt sich die Leistung des Architekten charakterisieren. Es war sein Ziel, die unterschiedliche Materialität und Plastizität der Skulpturen durch einen optimalen Hintergrund zu steigern. Dabei folgte er dem Wunsch von Lothar Fischer, hellere Werke möglichst vor weißen Wänden zu zeigen, dunklere hingegen vor grauen, um optische Härten bei der Präsentation zu vermeiden. Dies äußert sich bei den vier auskragenden Vitrinen im Obergeschoss mit doppeltem Seitenlicht, vor deren grauen Rückseiten Bronzearbeiten auf filigranen Sockeln stehen, während die Vitrinen selbst unterschiedlich große Tonplastiken aufnehmen.

Störungsfreie Räume

Die stupende Sorgfalt des Architekten zeigt sich besonders darin, dass die Ausstellungsräume ganz störungsfrei ausgebildet sind: Kein Element lenkt vom Erlebnis der Kunstwerke ab. So gibt es weder Fußleisten noch eingefasste Durchgänge. Auch abgehängte Decken mit den üblichen Öffnungen fehlen, weil die Installationen in einer Vorsatzschale der Wand verlaufen. Der fugenlose Bodenbelag, auf Zementbasis in fünf Schichten verrieben, hat in der Nahsicht durch organisch fließende Formen eine angenehme Struktur, wirkt aber in der Fläche durchgehend grau.
Eine weitere Besonderheit ist die Behandlung der Wände aus tragendem Beton. Sie wurden nämlich nicht gestrichen, sondern weiß gespachtelt und anschließend farblos lasiert, was ihnen einen weichen modulierten Ton gibt, vor dem sich die Skulpturen hervorragend präsentieren lassen. Diese Behandlung hat außerdem punktgenaue Anschlüsse von Wand und Decke möglich gemacht. Die konsequente Gestaltung der Räume wie aus einem Guss verbindet die unterschiedlich dimensionierten Bereiche zu einer großzügigen architektonischen Einheit.

Wechselnde Raumerlebnisse

Der Besucher hat keine Mühe, das Museum zu erkunden, weil der klare Grundriss für eine gute Orientierung sorgt. Seinen Rundgang durch die Ausstellungsräume kann er auf beiden Geschossen frei wählen – sowohl Einblicke in die Abteilungen als auch Sichtbeziehungen quer durch das Gebäude regen ihn dazu an, die vielfältige Sammlung zu entdecken.
Eine wichtige Rolle für die wechselnde Raumstimmung spielen auch die quer oder längs gerichteten Oberlichter, die selbst bei bedecktem Himmel viel Tageslicht einfallen lassen. Ein Höhepunkt seiner Raumerlebnisse ist die innen liegende Treppe, auf der er zu Lothar Fischers letzter, eigens für das Museum geschaffener Plastik hin aufsteigt, der »Hohen Eva« aus dem Jahr 2003.

Wärme und Kühlung aus dem Erdreich

Das Museum Lothar Fischer ist auch energetisch ein Vorbild. Mit einer Raumtemperatur von 18 Grad Celsius, die durch Betonkernaktivierung und Solarzellen erreicht wird, können die Heizkosten gering gehalten werden. Das emissionsfreie und wirtschaftliche Heiz- und Kühlsystem macht sich zunutze, dass schon wenige Meter unter der Erdoberfläche das ganze Jahr über die annähernd gleiche Temperatur herrscht; in Mitteleuropa zwischen 12 und 14 Grad. Deshalb wurden in erdberührten, konstruktiv erforderlichen Betonbauteilen etwa sieben Kilometer Kunststoffrohre verlegt, die zu Kreisläufen zusammengeschlossen und mit dem Kühl- und Heizsystem des Gebäudes verbunden sind. Darin zirkuliert eine Salzlösung, die als Energieträger sowohl Wärme als auch Kälte absorbieren und leiten kann. Somit dient die tragende Decke über dem Keller als Heizkörper. Dieses System ist im deutschen Museumsbau eine Neuheit. Die Nutzung der Erdwärme garantiert eine langsame Temperaturveränderung im Gebäude, was den Kunstwerken aus sensiblen Materialien sehr zugute kommt.

 

Architektur des Museum Lothar Fischer

Architekten
Berschneider + Berschneider
Architekten BDA Innenarchitekten
Hauptstrasse 12
92367 Neumarkt – Pilsach

Landschaftsarchitekten
Lohrer – Hochrein
Landschaftsarchitekten BDLA
Braunauer Strasse 2 a
84478 Waldkraiburg

Statik
Ingenieurbüro Ströber
Mariahilfstraße 20
92318 Neumarkt

Elektro
Elektroplan Scheidler
Dresdner Str. 22
92318 Neumarkt

Heizung / Lüftung / Sanitär
Zemlicka & Pruy
Dresdner Str. 22
92318 Neumarkt

Baugrund
Ingenieurbüro Dr. Spotka und Partner
Finkenweg 3
92353 Postbauer-Heng

Zeitplan
Mai 2002 Beginn Planungen
Juni 2003 Baubeginn
Juni 2004 Eröffnung

Umbauter Raum
Untergeschoss 1.477 m3
Erdgeschoss 2.748 m3
Obergeschoss 1.765 m3
Gesamt 5.990 m3

Bruttogrundrissfläche
Untergeschoss 478 m2
Erdgeschoss 521 m2
Obergeschoss 560 m2
Gesamt 1.559 m2

Flächen
Hauptnutzflächen 815 m2
davon Ausstellungsfläche EG 239 m2
Ausstellungsfläche OG 296 m2
Nebennutzflächen 161 m2
Funktionsflächen 29 m2
Verkehrsflächen 234 m2
Gesamt 1.239 m2